Europas Freiheit braucht die Energiewende
ANDERE ÜBER. Fossile Energien sind kein Stabilitätsanker, sondern ein Krisenverstärker. Die Energiewende ist die Antwort auf eine unsicherere Welt.
Kommentar: Claudia Kemfert.
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Der Irankrieg zeigt erneut, wie verwundbar Europa bleibt, solange es an fossilen Energien hängt. Öl- und Gaspreise reagieren auf geopolitische Krisen wie ein Seismograf: Schon die Angst vor Lieferengpässen, blockierten Transportwegen oder eskalierenden Konflikten reicht aus, um Märkte in Unruhe zu versetzen. Wer Öl, Gas und Kohle importiert, importiert nicht nur Energie, sondern auch Abhängigkeit, Unsicherheit und politische Erpressbarkeit.
Europa hat diese Lektion mehrfach schmerzhaft gelernt: durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, explodierende Gaspreise, Debatten um Versorgungssicherheit und nun durch die Zuspitzung im Nahen Osten. Trotzdem wird noch immer so getan, als seien fossile Energien eine Brücke in eine sichere Zukunft. Das Gegenteil ist der Fall: Fossile Energien sind kein Stabilitätsanker, sie sind ein Krisenverstärker.
Die Energiewende ist Friedenspolitik, Sicherheitspolitik und Wirtschaftspolitik zugleich. Jede Kilowattstunde aus Wind und Sonne, jede Wärmepumpe, jede Speicherlösung, jede vermiedene Autofahrt mit fossilem Kraftstoff verringert die Abhängigkeit von autoritären Regimen, globalen Krisenregionen und spekulativen Rohstoffmärkten. Erneuerbare Energien machen Europa unabhängiger und langfristig günstiger.
Dafür braucht es endlich Konsequenz. Europa muss Wind- und Solarenergie massiv ausbauen, Netze modernisieren, Speicher und Flexibilität stärken, Gebäude sanieren, Wärme elektrifizieren und den Verkehr konsequent auf Effizienz, Bahn, öffentlichen Nahverkehr und Elektromobilität ausrichten. Und das alles sofort. Denn jede Verzögerung kostet Geld, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit.
Die Energiewende darf nicht als Zumutung erzählt werden, sondern als Modernisierungsprojekt. Sie schafft regionale Wertschöpfung, senkt langfristig Energiekosten, schützt Unternehmen vor Preisschocks und macht Haushalte unabhängiger. Wer heute in erneuerbare Energien, Effizienz und Infrastruktur investiert, verhindert morgen Krisenkosten.
Gleichzeitig müssen soziale Fragen ernst genommen werden. Menschen mit geringem Einkommen dürfen nicht die Lasten einer Transformation tragen, die über Jahrzehnte verschleppt wurde. Klimageld, gezielte Entlastungen, günstige Mobilitätsangebote und Unterstützung beim Heizungstausch sind Voraussetzung dafür, dass die Energiewende gerecht gelingt.
Was Europa jetzt braucht, ist Technologieklarheit statt Scheinlösungen. Neue fossile Abhängigkeiten, verlängerte Gasillusionen oder das Hoffen auf teure Zukunftstechnologien führen in den nächsten Kurzschluss. Die sicherste Energie ist die, die wir nicht verbrauchen. Die günstigste und friedlichste Energie ist die, die vor Ort erneuerbar erzeugt wird.
Der Irankrieg ist ein weiteres Warnsignal. Europa kann weiter auf fossile Krisen reagieren – oder endlich die Ursachen seiner Verwundbarkeit beseitigen. Die Energiewende ist die Antwort auf eine unsicherere Welt. Wer Freiheit, Frieden und Wohlstand schützen will, muss die fossile Abhängigkeit beenden. Jetzt.
Claudia Kemfert ist Professorin für Energie-wirtschaft und -politik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und der Leuphana Universität. Sie wurde mehrfach für ihre Forschung ausgezeichnet. Sie ist Ko-Vorsitzende im Sachverständigenrat für Umweltfragen sowie im Präsidium der deutschen Gesellschaft des Club of Rome. 2026 erschien ihr Buch „Kurzschluss. Wie wir unsere Energiezukunft verspielen“ (Campus Verlag).
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